Meine Wurzeln – Einflüsse meiner Heimat

Ich bin in einer mittelgroßen Stadt in Japan aufgewachsen, wo damals noch einige Straßenbahnen gefahren sind. Die meisten Wochenenden und Ferien habe ich aber am Land bei meinen Großeltern verbracht - wo sich tatsächlich überall Reisfelder befinden. Dort hat man noch des Öfteren einen Straßenhund oder eine Straßenkatze gesehen und ab und zu ist man im eigenen Haus einer Schlange begegnet.

 

Unsere Bräuche sind von zwei verschiedenen Religionen, dem Buddhismus und dem Schintoismus, geprägt. Da diese beiden Lehrtraditionen ziemlich klar aufgeteilt sind, kommen die meisten Menschen gut damit zu Recht, mit zwei Religionen zu leben. Es ist sogar so, dass, wenn man von klein an so lebt und gewohnt ist, dies gar nicht mehr hinterfragt bzw. überlegt, welche Tradition bzw. welcher Brauch aus welcher „Ecke“ stammt.

 

Vereinfacht gesagt ist es so, dass, wenn jemand stirbt, eine buddhistische Todeszeremonie veranstaltet wird. In der Geschichte Japans war es so, dass der Buddhismus primär von den Shogunen und von den Samurais unterstützt und praktiziert wurde.

Wenn man aber hingegen etwas Neues beginnt, bitten wir einen schintoistischen Priester, die bösen Geister zu vertreiben und so dem neuen Weg mehr Glück zukommen zu lassen. So wird beispielsweise auch vor einem Schinto-Schrein geheiratet. (Anmerkung am Rande: Im Schintoistischen Glauben ist der japanischer Kaiser Nachfolger des Urgottes.)

Beim Schintoismus herrscht die Grundphilosophie, dass überall um uns ein kleiner Gott lebt, wie zum Beispiel in einem alten Baum, im Fluss, in einer Schlange und – vielleicht etwas witzig – sogar im Klo!

Aufgrund dieses Gedankens sagt man zu einem Menschen, der gerade Pech oder ein kleines Unglück hatte: „Wenn ein Gott dich verlässt, kommt ein anderer Gott zu dir“.

 

Deshalb muss man vor allen Dingen Respekt haben. So hat auch „Lass' kein Reiskorn in der Schüssel übrig, auch da ist ein Gott drin!“ meine Mutter mir immer am Ende des Essens „gepredigt“.

 

Während meiner ganzen Kindheit habe ich den Kampfsport „Kendo“ betrieben und wie beim Kampfsport erforderlich, bin ich mindestens drei Mal pro Woche zur Budo-Halle gegangen, um diese Tätigkeit zu erlernen.

Bei all diesen Kampfsportarten (z.B. Judo oder Aikido) sind die Tugenden von „Buschido“ oder dem „Konfuzianismus“ ein wichtiges Element, wobei unsere Lebensart auch im Allgemeinen sehr von diesen Philosophien beeinflusst ist. „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an!“ (hier geläufig unter „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu“). Ein weiterer typischer Satz, den wir oft hörten, war: „Kalt oder heiß kommt von der eigenen Schwäche!“ – etwa wenn wir uns über unangenehme Temperaturen beschwerten. Und Aussagen wie: “Nach dem Abflug eines Vogels bleibt das Wasser klar!“ oder „Die Tigermutter stoßt aus Liebe die eigenen Kinder ins Tal!“ waren typische Sätze wie ich – und viele andere japanische Kinder – sie von ihren Eltern immer wieder gehört haben.

 

Dies war geistliche oder geistige Seite meines Kinderalltags. Was ein typisch japanisches Kind noch prägt, sind die ständigen Erdbeben, die hohe Luftfeuchtigkeit und nicht ganz willkommene „Haustiere“ wie die Kakerlaken. Diese Naturgewalten – neben Erdbeben auch Tsunami oder Taifun – zeigen immer wieder die Ohnmächtigkeit bzw. das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und hat so tief die japanische Seele geprägt.

 

Ich selbst habe zum Glück kein großes Erdbeben miterlebt, aber aufgrund dieser ständigen Bedrohung setzen die Eltern oft radikale Erziehungsmaßnahmen ein: „Deine Unordnung kann dich dein Leben kosten! Wenn bei einem Nachtbeben der Weg vom Bett zum Ausgang versperrt ist, wirst du nicht ins Freie können und im Haus unter den Trümmern begraben werden“. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass mich diese Erziehungsmethode – diese ständige, vermeintliche Bedrohung mit dem Tod, falls ich nicht ordentlich bin – fast traumatisiert hat.

 

Der Sommer ist hier in Europa eine schöne und eine der beliebtesten Jahreszeiten. In Japan (abgesehen vom Norden) ist dies anders: Am Tag klettert das Thermometer meist über die 30-Grad-Grenze und in der Nacht fällt die Temperatur nur kurz zwischen drei oder vier Uhr in der Früh unter 25 Grad – danach wir es schon wieder wärmer. Schuld daran ist die hohe Luftfeuchtigkeit und im Juni beginnt eine drei bis vier Wochen lange Regenperiode. In dieser Zeit liegt die Luftfeuchtigkeit fast jeden Tag über 85 Prozent. Wenn beispielsweise ein ganz gewöhnlicher Butterkeks einen halben Tag auf dem Teller liegt, braucht man ihn nicht mehr in den Kaffee zu tauchen und ein Kuchen beginnt nach zwei Tagen schon zu schimmeln. Sogar viele Schatzkammern haben in diese Zeit wegen der hohen Luftfeuchtigkeit geschlossen. Auch wenn mein Mann mit einer seiner Gitarren in einem japanischen Club auftaucht, bewundern alle den bemerkenswerten Zustand seines Instruments und sind beeindruckt, wie sorgfältig er seine Geräte doch pflegen muss. Das Gegenteil ist natürlich wahr: Er pflegt seine Instrumente gar nicht und diese sehen nur so wenig verwittert und verrostet aus, da in Europa die Luftfeuchtigkeit nicht so extrem hoch ist.

Wie bereits kurz erwähnt, gibt es jedoch jemanden, der dieses Klima sehr genießt: Für die Kakerlaken ist dies wunderbar! Sie befinden sich überall - außer im Kühlschrank. „Kakerlaken und Malzeit“ sind in Japan daher ein großes Thema. Zum Beispiel passiert es ab und zu, dass Kakerlaken irgendwie in den Reiskocher gelangen und dort sterben. Im Reiskocher riecht es gut, er wird warmgehalten – also ein Paradies für diese Tiere. Man freut sich also auf frisch gekochten Reis, macht man die Deckel auf und anstatt der weißen Pracht sind auch schwarze Flecken zu sehen. (Sollten Sie vorhaben, Japan zu besuchen, müssen Sie aber keine Angst haben, mit Kakerlaken verunreinigten Reis serviert zu bekommen – gerade wegen der zahlreichen klimatischen Schwierigkeiten wird in Japan auf Hygiene sehr viel Wert gelegt).

 

Vielleicht noch dazu kurz zum Schulsystem in Japan. Die Pflichtschule dauert ebenso wie in vielen europäischen Ländern neun Jahre; nach einer sechsjährigen Grundschule folgt die dreijährige Mittelschule. Ein großer Unterschied zum europäischen Schulsystem ist, dass es keine echten Sommerferien gibt! Die Kinder haben zwar schulfrei, müssen jedoch fast jeden Tag in die Schule kommen, um schwimmen zu üben. Unsere Anwesenheit wurde und wird mit Stempeln auf eigenen Schwimmkalendern kontrolliert. Dies war aber nicht schlimm für mich, da ich es damals wie heute liebte, zu schwimmen. Weniger angenehm in den Ferien war, die tägliche Gymnastikstunde um 6:30 Uhr in der Früh! Sogar wenn man mit den Eltern auf Urlaub war, musste oder sollte man diese Tätigkeit ausführen! Es war allerdings kein Problem einen solchen Ort für diese verordnete Morgengymnastik zu finden, da alle Gemeinden in Japan verpflichtet waren, für diese Gymnastik zu sorgen. Ein Urlaub außerhalb Japans war – zumindest in meiner Kindheit – aus verschiedenen Gründen eher die Ausnahme.

Neben der morgendlichen Gymnastik und dem Schwimmen gab es in den Ferien jede Menge an Hausausgaben! Dies betraf nicht nur Fächer wie Mathematik oder Sprachen, sondern auch kleine Projekte in Naturwissenschaften, der Kunst oder der Literatur.

Diese schulischen Aktivitäten in den Ferien bedeuteten für die ganze Familie schon auch ein wenig Stress und für die Lehrer wahrscheinlich noch etwas mehr. Ich weiß nicht, was diese ganzen Aktivitäten den Kindern letztendlich wirklich gebracht haben – auf jeden Fall haben sich die Eltern sehr viel Geld gespart, da die Kinder so dauernd beschäftigt waren.

Die Mittelschule war bei uns sehr militärisch. Zum einen war die Altershierarchie sehr stark ausgeprägt. Diese Hierarchie kommt und kam allerdings nicht von den Lehrern, sondern entwickelt/e sich zwischen den Schülern von selbst. Die Erstklässler müssen die Älteren vor allem brav grüßen, bei manchen „gefährlichen“ Zeitgenossen sogar kurz anhalten, um dann den Gruß auszusprechen. Außerdem haben wir eine Uniform, deren Länge und Breite von den Lehrern kontrolliert wird und auch für die Frisur gab es bestimmte Muster (Uniformen gibt es noch, wird aber nicht mehr so streng gehandhabt).

Was bei der Mittelschule allerdings positiv – wie bereits mit der Gymnastik und dem Schwimmunterricht skizziert – war, dass auf körperliche Gesundheit sehr hoher Wert gelegt wurde. So gab es auch sehr viele verschiedene Sportvereine innerhalb der Schule. Wie ich bereits geschrieben habe, war ich bei einem Kendo-Verein. Unsere Mannschaft war nur durchschnittlich und daher hatten wir täglich nach dem Unterricht nur ein bis eineinhalb Stunden und an den Samstagnachmittagen Training. Ambitionierter Vereine – deren Ziel ein Pokal war - trainierten noch zusätzlich in der Früh vor dem Unterricht.

Für weniger Sportbegeisterte gab es aber auch Kulturvereine wie beispielsweise Musikorchester, Unterricht in chinesischer Kahlografie oder Literatur.

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